Big Brother Awards

Hiermit ist jetzt einmal nicht das kameraverseuchte Containerdorf gemeint, in dem die einsitzenden Versuchskaninchen ihre Privatsphäre dem Fernsehpublikum in schnöder Alltäglichkeit präsentieren, sondern deine Umgebung. In beiden Fällen werden allerdings Menschen überwacht, nur dass sich die Bewohner und Bewohnerinnen des Big-Brother-Dorfes in der Regel darüber im Klaren sind, das ihnen ständig Kameras und Mikrophone im Nacken sitzen.

Der Begriff ,,Big Brother" wurde ursprünglich von George Orwell in seinem Roman ,,1984" geprägt. Der Große Bruder war die Personifikation eines totalen Überwachungsstaates Ein Symbol, welches die Bürgerinnen und Bürger in jedem Bereich ihres Leben überwachte.

Der Big Brother Award ist als eine Art Negativ-Preis zu sehen, der alljährlich an diejenigen verliehen wird, die in besonders krasser Weise die Privatsphäre von Menschen ausspähen oder persönliche Daten ohne Zustimmung der Betroffenen Anderen zugänglich machen. Eine Jury bewertet hierbei die eingereichten Vorschläge und ernennt die unglücklichen Gewinner in 8 Kategorien von Behörden, Wirtschaft bis Politik.

Im Jahr 2005 erhielt der ehemalige Bundesinnenmenister Otto Schilly den Preis für sein Lebenswerk. Ausgezeichnet wird er für langjährige ,,Verdienste" im Ausbau des deutschen und europäischen Überwachungssystems auf Kosten der Bürger- und Freiheitsrechte und die Aushöhlung des Datenschutzen unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung (Otto-Katalog). Aber auch die Einführung des biometrischen ePass und der großen Lauschangriffs gehen auf sein Konto.

In der Kategorie ,,Verbraucherschutz" wurde der Preis 2005 dem Organisationskomitee des DFB für den Fragebogen zur Ticketbestellung der Fussball-WM 2006 zugedacht. Zum einen werden für den Ticketkauf völlig unnütze Fragen gestellt (welche aber auf Seiten der Sponsor-Konzerne finanzielle Gelüste wecken) sowie die Verwendung von RFID-Schnüffelchips, welche in die WM-Tickets eingearbeitet sind so wie einigen anderen Sauereien.

In der Kategorie „Politik“ konnte sich 2006 die Landesregierung von Mecklenburg Vorpommern den unbegehrten Big Brother Award schnappen. Nur 16 Jahre nach der Wiedervereinigung erteilt das neue „Sicherheits- und Ordnungsgesetz (SOG M-V)“ der Polizei die Befugnis, öffentliche Orte in der Nähe von so genannten "gefährdeten Objekten" nicht nur mit Videokameras zu überwachen, sondern auch Tonaufzeichnungen anzufertigen. Die Tonaufzeichnungen sind ausdrücklich nicht auf Verdächtige beschränkt. Das wird nur noch von der Gesetzesbegründung überboten, die es gar nicht erst gibt. So gerüstet steuert MV in 2007 auf den G8-Gipfel zu.

Aber auch Unternehmen wie Tschibo, Payback und Lidl oder die Bundesagentur für Arbeit haben sich den Preis in der Vergangenheit erkämpft. Die Leistungen der Preisträger sind unter http://www.bigbrotherawards.de abrufbar. Dort findet sich auch Bildmaterial der feierlichen Verleihungen (oftmals ohne Teilnahme der Gekrönten).

Mit der Verleihung der Big Brother Awards sollen aktuelle Entwicklungen aufgezeigt werden wie z.B. Adressenhandel oder die Auswertung von Nutzungsprofilen. Die damit verbundenen Gefahren für uns als KundInnen, KonsumentInnen und BürgerInnen werden deutlich heraus gestellt und die Verursachenden angeprangert. So werden die Datenkraken dorthin gezerrt, wo sie nicht sein wollen: Ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit.

Klaus Muttray

(zuerst erschienen in der Fußnote #1)