Was zur Hölle ist RFID?

Ein kurze Frage weniger Passanten in einer Fußgängerzone brachte erstmal nicht viel zu Tage. Kaum ein Mensch weiß, wofür die Abkürzung RFID steht, einige wenige haben eine vage Vorstellung davon, was RFID macht.

  • RFID - Radio Frequency IDentification
  • RFID - ist kein mysteriöser Kasten eines Amateurfunkers.
  • RFID - hat nichts mit unbezahlten GEZ Gebühren zu tun.
  • RFID - ist kein schlagkräftiger Werbeslogan einer beliebigen "irgendwas ist geil" Kampagne.
  • RFID - ist ein wenig eingängliches Kürzel, und es scheint, als wäre das nicht ganz unbeabsichtigt so.

Doch was verbirgt sich hinter RFID?

Auf den ersten Blick nicht viel: ein winziger Microchip speichert eine weltweit einmalige Seriennummer (die sog. ID). An dem Chip ist eine kleine Antenne befestigt, mit der sich die Nummer durch die Gegend funken lässt. Das ist der einfachste RFID Aufbau, ein Miniradio quasi, das auf Knopfdruck nur eine einzige Melodie spielen kann. Der eigentliche Clou dabei ist der berührungslose "Knopfdruck". Wird der Chip mit bestimmten Frequenzen (im Mikrowellenbereich) bestrahlt, so spielt er seine Melodie. Dazu braucht er nicht mal Batterien, denn die notwendige Energie holt der Chip mittels seiner Antenne aus der anfänglichen Bestrahlung. Der Abstand zwischen Chip und Lesestation kann je nach Bauart von wenigen Zentimetern bis zu 30 Metern betragen. Damit lässt sich z.B. sehr gut der Eingang eines Supermarktes ausloten, aber dazu später mehr. Der eigentliche Chip ist wenige Millimeter klein, die Antenne ist mit 2 bis 5 Zentimetern noch etwas groß dimensioniert, aber dafür äußerst flach (Bruchteile von Millimetern). Die Chips kosten in der Herstellung momentan zwischen 30 und 50 Cent pro Stück, die 5 Cent Marke ist das nicht sehr weit entfernte Ziel der Hersteller. RFIDs sind meist so verbaut, dass sie auch in rauhen Umgebungen funktionieren. Dazu zählt Hitze, Staub, selbst Waschmaschinen können den kleinen Dingern nichts anhaben.

RFID ist also ein Verfahren mit dem sich eine eindeutige ID per per Funk abfragen lässt - "Radio Frequency IDentification" eben. Das hätten wir auch uns auch gleich denken können. Zwecks besseren Verständnisses wird oft von Funketiketten, Schnüffelchips oder einfach (RFID-)Tags gesprochen.

Ja, und?

So einfach das Prinzip ist, so vielfältig sind die Anwendungsmöglichkeiten von RFID. Die Teile sind wie wir gesehen haben klein, robust und in großen Mengen äußerst preiswert. Das bietet den Phantasien einiger Marketingstrategen einen reichhaltigen Nährboden. Die erfrischend neuen, wohlstandversprechenden RFID Visionen reichen von Fahrkarten, Klamotten, Büchern, Kühlschränken, Diebstahlschutz, Kennzeichnung von Geldscheinen und Autonummernschildern, bis hin zu Implantaten für vom Aussterben bedrohte Tierarten, Gefangene, Schulschwänzer oder gleich alle Wesen der Zielgruppe. Die Kennzeichnung von Tieren mittels RFID-Chips, die in gläserne Kapseln gegossen sind, ist übrigens schon Praxis. Die Monatskarten der Londoner U-Bahnen haben längst einen RFID-Chip und die Berlinerverkehrsgesellschaft (BVG) verschläft nur dank leerer Kassen den Anschluss an die rosige RFID Zukunft. Skipässe müssen in manchen Gebieten nicht mehr aus der Jacke gekramt werden und in Österreich wird per RFID die LKW-Maut kassiert. Bessere RFID-Chips sind zudem nachträglich programmierbar, so dass zu der eindeutigen Seriennummer weitere Informationen hinzugefügt werden können (Preis, Blutgruppe, Schuhgröße usw.). Dadurch vergrößert sich der Spielraum im kreativen Umgang mit RFID immens.

Und was hat das nun mit Konsum zu tun?

RFID ist im Handel nicht nur für die Logistik ein Glücksfall. Mit den richtigen Konzepten lassen sich sehr exakte Kundenprofile erstellen. Mussten die Rabattkarten den Konsumenten noch aufgeschwatzt werden, so bildet RFID eine unsichtbare Verbindung zum Subjekt. (traurig: Obwohl das alleinige Ziel der Rabattkarten die Auswertung des Konsumverhaltens ist, sind die anfänglichen Bedenken verflogen. Viele Kunden sammeln fleißig Punkte, bis sie zum Dank Schöpfkellen geschenkt bekommen. Kein ausgewogenes Preis-Leistungsverhältnis würde ich sagen.) Dank digitaler, kontaktloser Verarbeitung ist RFID sogar sehr viel unaufwendiger als bisherige Verfahren. Die Preise für Rechentechnik sinken kontinuierlich. Viele der heutigen Ideen drehen sich daher nur um profitablere Wertschöpfungsketten. Datenschutzrichtlinien im Umgang mit RFID spielen bei vielen Firmen so gut wie keine Rolle. Deswegen werden viele zukünftige Anwendungen die Privatsphäre der NutzerInnen einschränken. Fatal ist, dass sich keine direkt spürbaren Konsequenzen für einzelne KonsumentInnen ergeben und somit auch kein Handlungsbedarf besteht. Darauf weisen mittlerweile auch die Datenschutzbeauftragten der Bundesländer und mehrere Bürgervereinigungen hin. Derweil sind sich die "Experten" noch uneins, ob die bisherige Überwachung des Homo consumens durch RFID noch sinnvoll weiter gesteigert werden kann. Drei Autoren von der Universität Dortmund Fachgebiet Logistik schießen sogar mit der folgenden Frage zum Thema RFID den Vogel ab. "Wer schützt uns vor den Datenschützern?" - Gute Nacht!

Brauchen Fußballfans auch RFID?

Die Fußballweltmeisterschaft findet 2006 im "biometrische Reisepässe"- und "toll collect"- Entwicklungsland Deutschland statt. Da musste natürlich ganz was Tolles her, um etwaige Fans vor allen möglichen Gefahren zu schützen. Die bedrohlichsten zwei Gefahren, sind nach Ansicht des DFB Randale in den Stadien und ein allzu blühender Eintrittskartenschwarzmarkt. Das ganz was Tolle, das davor schützen soll, sind personalisierte Tickets. Menschen, die eine Eintrittskarte käuflich erwerben möchten, müssen eine Reihe von  Informationen über sich preisgeben, unter anderem: das exakte Geburtsdatum (nicht nur "über 18" o.ä.), Nationalität, die Personalausweis- oder Passnummer, Lieblingsnationalmannschaft (dort gibt es aber auch ein Feld "neutral"). Matthias Mehldau vom Chaos Computer Club meint dazu: "Unter dem Vorwand, die WM zu einer sicheren Veranstaltung zu machen, greift die FIFA massiv in die Privatsphäre der Fußballfans ein. Bei der Internet-Registrierung müssen mehr Daten angegeben werden als beim Einwohnermeldeamt."

"Die Personalisierung verfolgt unzweifelhaft das Ziel der Manipulation und der Kontrolle der Verbraucherverhaltens, zielt also letztendlich statt des selbstbestimmten anonymen Konsums auf den fremdbestimmten Konsum. Die RFID-Technologie, eingesetzt in Produkten, auf Kundenkarten oder eben auf personalisierten Tickets, ist wie keine andere geeignet, diese Konsumentenkontrolle zu verwirklichen." schreibt Thilo Weichert vom unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig Holstein. Er kommt zu dem Schluss, das "die Personalisierung der RFID-Tickets ein Großprojekt zur Förderung dieser Technologie im Konsumentenbereich" ist.

Rena Tangens vom FoeBud e.V. meint : "Was RFID angeht - und den mehr als kritikwürdigen Fragebogen, den der Fußballfan ausfüllen muss, um zur Verlosung der Karten zugelassen zu werden - so blieb es den Datenschutzinitiativen FoeBud, STOP1984 sowie dem Datenschutzbeauftragten überlassen, sich hier zu äußern - in die allgemeine Berichterstattung gelangte das Thema nicht. Die Tatsache, dass hier RFID auf den Eintrittskarten genutzt wird und so eine Überwachung, die Erstellung von Bewegungsprofilen etc. möglich wird, lässt, zusammen mit den fragwürdigen Datenschutzregelungen der WM2006 nur den Schluss zu, dass hier ein Exempel für den Einsatz von RFID am Menschen statuiert werden soll. Und eine künstliche Akzeptanz dadurch geschaffen wird, dass dem Fußballfan, will er eine Chance auf eine Karte bekommen, nichts anderes übrig bleibt als RFID sozusagen stillschweigend zu legitimieren. So wird jeder Fußballfan zum Werbeträger - ohne Wahlmöglichkeit."

Demnach lässt sich die eingangs gestellte Frage "Brauchen Fußballfans auch RFID?" nur bejahen. Ja, sie brauchen RFID, damit sie kontrollierbar werden. Sie sind damit die vorerst populärsten Opfer einer frevelhaften Verkettung von RFID-Technologie, Tracking (Erstellung von Bewegungsmustern) und einem Sicherheitsdenken, das Sicherheit mit Überwachung gleichsetzt. Fußballfans sollten sich daher fragen: "Brauchen wir ein solches Organisationskommitee für eine Weltmeisterschaft?"

Was passiert im Metro "Future Store"?

Die Metro AG ist wohl der bekannteste Vorreiter, was RFID-Tags in Deutschland angeht. Für ihre zweifelhaftes Projekt "Future Store" hat Metro den BigBrotherAward 2003 in der Kategorie Verbraucherschutz gewonnen. Eine ausführliche Beschreibung dieses zukunftsträchtigen Ladens findet sich auf der Webseite der BigBrotherAwards. Dort werden auch die vielen Ungereimtheiten von Metros Umgang mit den RFIDs beschrieben. Auf Grund der Fülle spare ich mir hier eine Aufzählung. Nur kurz zur eigentlichen Brisanz, die nicht darin besteht, dass Metro RFID-Tags verwendet, sondern dass diese heimlich den "treuen" Kunden untergeschoben werden sollen. Offiziell setzt Metro die Chips nur für die interne Logistik ein und hat "natürlich" kein Interesse an Daten über Kunden.

Und ich kann nichts dagegen tun?

Es sieht also nicht gerade rosig für die Zukunft der unbeobachteten Konsumenten aus. Auf den guten Willen der Firmen, die RFID verwenden, sollten sie jedenfalls nicht hoffen. Aber das Schöne an Funktechnik ist, dass sie prinzipiell jedeR benutzen kann. Was anfangs wie ein Nerdsport aussieht entpuppt sich schnell als geeigenetes Mittel zur Wahrung der informationellen Selbstbestimmung. Kaum das sich die RFID-Tags verbreiten gibt es auch schon dutzende Möglichkeiten für den persönlichen Umgang mit den kleinen Funkern.

Es gibt mehrere Ansätze, den RFID-Tags ihre Gesprächigkeit abzugewöhnen. Zum einen kann das Tag physisch zerstört werden. Dazu reicht es mit einem scharfen Messer die Antenne zu zerschneiden. Es geht aber auch anspruchsvoller, die Chips reagieren nämlich empfindlich auf Mikrowellenstrahlung oder allgemein auf hohe Temperaturen (über 100-200° Celsius) und starke chemische Einwirkungen. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Wer minimalinvasiv die Tags zum Schweigen bringen möchte, ohne sie dabei zu zerstören, greift einfach in die Trickkiste. Durch Umwicklung mit Alufolie können sie elektromagnetisch abgeschirmt werden (Faradayscher Käfig), so dass kein Funkverkehr mehr möglich ist. Das Auslesen der RFID-Tags kann auch durch einen Störsender verhindert werden, und zwar in einem relativ großen Umkreis. Diese Störsender sind mit geringen elektrotechnischen Grundkenntnissen schnell gebaut. Noch Interessanter sind preiswerte RFID Lesegeräte in Handygröße, mit denen sich erkennen lässt wo RFID-Tags verbaut wurden. Wem 20 Euro dafür zu viel sind, der baut sich solch ein Gerät selber. Die Anleitungen finden sich in jedem gut sortierten Internet ;) ebenso Bezugsquellen für die notwendigen Bauteile. Der Zusammenbau ist relativ einfach und eignet sich als Lernübung zum Löten für Kinder.

Etwas aufregender sind RFID Schreib- und Lesegeräte, die an einen Computer angeschlossen werden können. Praktischerweise können beschreibbare RFIDs damit auch gleich verändert werden. Momentan wäre es noch etwas auffällig, mit einem Notebook durch den Supermarkt zu laufen, in Kürze wird dazu ein Handy ausreichen. An der Kasse gibt es dann großes Staunen, weil der Bierkasten als Kohlrabi erkannt wird. Britta Oertel vom Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung trifft den Nagel auf den Kopf, wenn sie feststellt: "Stellen Sie sich mal Tausende Fußball-Fans vor, die wegen eines Chip-Versagens nicht ins Stadion kommen". Sie hält es für sehr wahrscheinlich, dass RFID-HackerInnen versuchen werden, die Chips zu manipulieren. "Das wäre für viele eine nette Spielerei, es ist ja ganz einfach." Schade nur, dass die HackerInnen dann wieder die Bösen sind, nur weil sie auf Probleme hinweisen, die im Medienmainstream anders nicht sichtbar werden.

Was nun?

RFID ist per se kein "Teufelszeug". Es hat wie jede Technologie seine Vor- und Nachteile, die großteils durch die Art der Verwendung bestimmt werden. Zum Beispiel können logistische Prozesse mittels RFID enorm automatisiert und damit  effizienter gestaltet werden. (Wem das letztlich zu Gute kommt, müssen wir leider noch umorganisieren.) Weiterhin sind einige fragwürdige Nützlichkeiten in unserem Überflussalltag denkbar. Wer gerne per sms an das abgelaufene Mindeshaltsbarkeitsdatum seiner Milch im Kühlschrank erinnert werden möchte - bitte schön. Richtig sinnvoll wird der Einsatz von RFID bei Menschen mit eingeschränkter Wahrnehmung. So könnte ein "Übersetzer" für Blinde anhand der RFID-Nummer hilfreiche Informationen mittels Sprachausgabe zu gescannten Gegenständen der Umgebung liefern. Der Unterschied ist, dass hier nicht ungefragt unsere Grundrechte eingeschränkt werden.

Henning Rieger

(zuerst erschienen in der Fußnote #1)