Food Coops in Rostock

Henning Rieger

Die Art und Weise unserer Ernährung hat großen Einfluss auf unsere Gesundheit und unser individuelles Wohlbefinden. Die Bedingungen, unter denen unsere Nahrungsmittel hergestellt und gehandelt werden, sind Spiegel unserer Gesellschaft und wirken direkter auf uns zurück, als es auf den ersten Blick scheint.

Nachteile, die durch den Preisdruck bei konventioneller Landwirtschaft und industrieller „Tierproduktion“ entstehen, wecken bei vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern Interesse an Lebensmitteln aus kontrolliert biologischem Anbau. Wichtig sind ihnen häufig auch Vertrauen in die angegebene Produktionsweise und die gerechte Bezahlung der Erzeuger und Erzeugerinnen ohne unnötigen Zwischenhandel. Kurze Transportwege, und der schonende, bestenfalls nachhaltige Umgang mit natürlichen Ressourcen spielen in Zeiten des globalisierten Warenverkehrs eine ebenso große Rolle bei der Wahl der Zutaten für die nächste Mahlzeit.

Zugegeben, kaum jemand geht mit all diesen Hintergedanken durch einen Supermarkt. Das Resultat wäre eine panikartige Flucht aus ebenjenem. Supermärkte sind vor allem in einer Hinsicht optimiert und das ziemlich gut: niedrige Preise. Eine gangbare Alternative, die Nachfrage unter den eingangs erwähnten Kriterien zu bedienen, bieten Lebensmittelkooperativen, umgangssprachlich auch Food-Coops genannt.

Lebensmittelkooperawasfürdinger?
Food-Coops sind Einkaufsgemeinschaften, die ökologisch hergestellte Produkte aus der Region und fair gehandelte Waren aus Übersee direkt und ohne teuren Zwischenhandel beziehen. Die Mitglieder organisieren selbstständig den Ankauf, die Lagerung und die Verteilung der Produkte (vorwiegend Lebensmittel) untereinander. Dadurch schaffen sie sich ein Angebot qualitativ hochwertiger und ökologisch nachhaltiger Produkte ohne viel Aufpreis.

Food-Coops entstammen den sozialen Bewegungen, aus denen auch Tauschringe, Wohnprojekte und andere solidarische Gemeinschaften hervorgingen. So spielt die Idee von Kooperation zur Überwindung des Konkurrenzdenkens bei Food-Coops eine wesentliche Rolle. Food-Coops sind eben nicht nur eine praktische und günstige Einkaufsmöglichkeit, sondern darüber hinaus Orte eines weitergehenden sozialen Austausches, ein Basar für Neuigkeiten und Informationen. Damit bilden Food-Coops einen Gegensatz zu profitorientierten Unternehmen, handelt es sich doch um freiwillige Zusammenschlüsse von gleichberechtigten Mitgliedern, die verantwortungsvoll miteinander umgehen. Spätestens hier wird deutlich, warum Supermarkt und Food-Coop nicht vergleichbar sind.

Die selbstorganisierte Struktur einer Food-Coop orientiert sich hinsichtlich Angebotspektrum und Arbeitsabläufen an den Interessen ihrer Mitglieder. Häufig werden Lieferbeziehungen zu regionalen Lebensmittelproduzenten aufgebaut, um die Umweltfolgekosten durch lange Transportwege zu minimieren. Dies trägt auch zur Stärkung der regionalen Wirtschaft bei und hält anfallende Arbeit in der Region. Die sozialen Produktionsbedingungen spielen damit neben der Umweltverträglichkeit eine wichtige Rolle. Angestrebt wird ein faires Handelsmodell von den Erzeugenden bis zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern.

Warum der Aufwand?
Was bringt Menschen nun dazu, sich in Food-Coops zu engagieren? Betrachten wir die Frage jeweils aus individueller, ökologischer, sowie gesellschaftlicher Sicht. Food-Coops ermöglichen es den beteiligten Menschen, günstige und anhand vorher festgelegter Kriterien hergestellte und verteilte Nahrungsmittel zu beziehen. Typische Kriterien betreffen dabei die ökologische und soziale Nachhaltigkeit.

Viele Food-Coop-Mitglieder legen nicht nur persönlich Wert auf biologische Ernährung, sondern wollen insgesamt eine Produktionsweise fördern, die auf die Erhaltung des gesamten Ökosystems abzielt. Darum möchten sie den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln verringern, biologischen und regionalen Landbau fördern und unnötige Transportwege vermeiden.

Food-Coops sind Abnehmer für regional hergestellte Nahrung und stärken damit die regionale Landwirtschaft, die meist in kleineren Höfen organisiert ist. Durch direkte Beziehungen zu diesen regionalen Produzenten können die Mitglieder saisonale Besonderheiten im Angebot und darüber hinaus den Herstellungsprozess ihrer Lebensmittel genauer kennen lernen. Aus Sicht der Erzeugenden verbessern routinierte Food-Coops die Planungssicherheit beim Anbau.

An Food-Coops Beteiligte möchten in der Regel selbst Einfluss auf Prozesse, Angebot und Struktur der Food-Coop nehmen. Durch die Selbstorganisation ist dies möglich. Durch sie ist die Food-Coop Veränderungen gegenüber offener als beispielsweise der Supermarkt um die Ecke.

Gesamtgesellschaftlich spielen Food-Coops eine wissensvermittelnde Rolle. Verbraucherinnen und Verbraucher werden sensibilisiert und auch Freunde, Bekannte und Neugierige durch Vorbildfunktion einbezogen. Jede Food-Coop versorgt also nicht nur ihre Mitglieder, sondern ist gleichzeitig auch Bildungsträger. In der Zusammenarbeit mit anderen Food-Coops kommt es zu Wissenstransfers und Synergieeffekten. Dieses Wissen ist von Vorteil und Vorraussetzung für viele Entscheidungen hin zu in einer nachhaltigeren, kreislauforientierten, ressourcenschonenden Lebensweise.

Entwicklung der Food-Coops
Ende der 70er bis Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts war die Möglichkeit, an biologisch erzeugte Produkte zu gelangen, noch sehr begrenzt. Das trifft insbesondere auf den ländlichen Raum zu, wo der Einkauf von kontrolliert biologisch angebauter Ware fast unmöglich war. Aber auch in vielen Städten war das Angebot noch sehr klein. Dies war Motivation genug, sich den Mühen der Organisation der Warenbeschaffung zu unterziehen. Dabei spielte der Bezug von Lebensmitteln direkt von den Erzeugerinnen und Erzeugern in den meisten Fällen die gleiche Rolle wie der vom Großhändler.

Der Blüte der Food-Coops folgte der Boom der Naturkostläden. Für viele Menschen ging damit der Sinn einer Lebensmittelkooperative verloren, denn im Naturkostladen war die Ware meist einfacher zu bekommen. Tatsächlich verschwanden viele der Kooperativen in der ersten Hälfte der 80er Jahre wieder. Andere, die gesellschaftspolitischer motiviert waren, festigten ihre Strukturen und zeigten hohe Kontinuität. In der BRD gab es 1985 schätzungsweise 400 Kooperativen. Manche Regionalverteiler setzten weit mehr als die Hälfte ihres Umsatzes über Food-Coops ab.

Seit Mitte der 80er Jahre und der Sättigung des Bioladenmarktes wuchsen in der Naturkostszene die Widerstände gegen Food-Coops, da diese als zunehmende Konkurrenz wahrgenommen wurden. Über die Jahre wurde der Einkauf von Großhandelsware immer schwieriger, weil die Großhändler lieber Bio-Läden bedienten. Viele Kooperativen sind unter dem wachsenden Druck verschwunden. Aber einige haben sich mit Einsatz und Phantasie eine Nische gesucht, in der sie überleben konnten.

Food-Coops in Rostock
Seit einigen Jahren wächst das Interesse an Food-Coops wieder. Nicht zuletzt auf Grund der medial breitgetretenen Lebensmittelskandale und dem Wunsch nach „sauberem“ Essen. Ein wenig Wirtschaftskrise spielt wahrscheinlich auch eine Rolle. In Rostock ist die Situation nach meiner persönlichen Einschätzung momentan so, dass die Zahl der Food-Coop-Interessierten größer ist, als die Versorgungskapazität der vorhandenen Lebensmittelkooperative(n).
Öffentlich sichtbar ist hier nur die Food-Coop „Beifuß“, die es nun schon seit einigen Jahren mit beglückwünschenswerter Kontinuität in der Wismarschen Straße gibt. Sie stößt aber langsam an ihre Grenzen, was Lagerfläche und innere Organisation angeht, und wirbt deswegen nicht mehr aktiv um neue Mitglieder. Daneben existieren noch wenige kleinere Food-Coops, mittels derer sich WGs und andere Lebensgemeinschaften versorgen. Die Dunkelziffer dürfte allerdings nicht allzu hoch sein.

Die frische Food-Coop „Kau Wat“ (FCKW) hat sich im Herbst 2009 zusammen gefunden und nun einen Raum im Peter-Weiss-Haus bezogen. Sie befindet sich immer noch in der Gründungsphase und wird wohl erst zum Sommer eine stabiles Gefüge und damit ein reibungsloses Bestellsystem für die Mitglieder ermöglichen.

Ich will auch. Wie kann ich mitmachen?
Das schöne und essentielle am Food-Coop Prinzip ist, dass jede und jeder mit ein paar Freunden selbst eine gründen kann. Dazu ist einiges Vorwissen hilfreich, gilt es doch zahlreiche Hürden zu nehmen. Wichtig ist bei jeder Food-Coop, dass alle Mitglieder auch etwas Zeit in die Arbeitsabläufe, Organisation und die weitere Entwicklung stecken. Was auf den ersten Blick müßig aussieht hat den Vorteil, dass Food-Coops immer von den Mitgliedern für die Mitglieder gestaltet werden. Nebenbei werden Kontakte geknüpft, Rezepte ausgetauscht, gemeinsame Aktionen unternommen … – ein Stück gelebte Solidarität.

Eine exzellente Anlaufstelle im Internet ist das „Foodcoopedia“ Wiki1. Der Name lässt es schon erahnen, Foodcoopedia funktioniert nach dem gleichen Schema wie Wikipedia, der weltweit größten, gemeinschaftlich erstellten Enzyklopädie. So ist seit 2004 eine umfangreiche Sammlung von Food-Coops, Lieferanten, Herstellern und allgemeinen Informationen entstanden. Das Prinzip des gemeinsamen Agierens in einer Food-Coop setzt sich also auch im Internet bei Foodcoopedia fort.

Außerdem gibt es zwei lesenswerte Bücher zum Thema. „Das Food-Coop Handbuch“, sowie der Food-Coop Gründungsleitfaden „fair, bio, selbstbestimmt“. Mit diesen Informationen gerüstet ist die eigene Food-Coop nur noch eine Frage der Zeit.

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p.p.s.: erstmalig erschienen in den Stadtgesprächen #59