Bildung: Wen, worüber, wie bilden?

Warum Bildung?

Bildung wird als Begriff überaus häufig genutzt, aber von unterschiedlichen Akteuren sehr unterschiedlich gemeint. Eine Annäherung an die reale Bedeutung kann über den Ausschluss erfolgen: Was ist Bildung nicht?

Bildung ist kein Training, d.h. keine Reihe von Übungen, deren Ziel das Erlernen einer bestimmten Fertigkeit ist. Sie ist auch keine Schulung, also nicht das Bewältigen einer thematisch eng eingegrenzten Lehreinheit. In beiden Fällen geht es nur darum, das Individuum einsetzbar in einer bestimmten Institution, beispielsweise dem Arbeitsplatz, zu machen. Das kann auch dem Individuum selbst (über den Arbeitsplatz hinaus) nützen, das ist aber explizit nicht das Ziel der Veranstaltungen. Wenn während Schulung oder Training tatsächlich Bildung stattfindet, dann zufällig, als Nebenwirkung. Bildung ist schwer von außen zu erzwingen.

Man kann nicht ohne Weiteres jemanden bilden, auch wenn sich Institutionen (“Bildungsträger”) oder Programme gern den Anschein geben. Was man machen kann, das ist das Schaffen von Settings, innerhalb derer Bildung passieren kann, genauer: innerhalb derer oder an denen sich Menschen selbst bilden. Bildung ist “Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmung, die die Emanzipation von Fremdbestimmung voraussetzt oder einschließt, als Befähigung zur Autonomie, zur Freiheit eigenen Denkens und eigener moralischer Entscheidungen. Eben deshalb ist denn auch Selbsttätigkeit die zentrale Vollzugsform des Bildungsprozesses.”[1]

Bildung ist also ein aktiver Prozess eines Individuums. Und: Es geht dabei um mehr als Wissensvermittlung (die ist in vielen Fällen natürlich trotzdem die Basis), es geht vielmehr um den Akt der Emanzipation, um den Prozess der Selbstgewahrung als kosmopolitischer Mensch. Der Begriff ist also ur-aufklärerisch (Tatsächlich stammt er auch aus dieser Zeit, und ist eng verknüpft mit der deutschsprachigen Aufklärung, mit dem Kantschen Aufruf, der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu entfliehen).

In Konsequenz eröffnet Bildung dem Individuum einen Zuwachs an Handlungs- und Gestaltungsspielräumen. Mit kosmopolitischem Blick lassen sich aber Probleme ausmachen, die diese Freiräume gefährden können: “Im Mittelpunkt [heutiger Bildung wird deshalb] das stehen müssen, was uns alle und voraussehbar die nachwachsende Generation zentral angeht, mit anderen Worten: Schlüsselprobleme unserer gesellschaftlichen und individuellen Existenz.”[2] Bleiben sie unbeantwortet, dann gefährden diese sozialen, ökologischen und ökonomischen Grundfragen unserer Zeit diese Handlungsspielräume, und damit menschliche Emanzipation. Mit anderen Worten: Die Befähigung zu ihrer Beantwortung sind Aspekte von Bildung.

Wie kann man diesen Anspruch nun umsetzen? Für eine saubere, zielführende Beantwortung dieser Frage ist es wichtig, zwischen Ziel und Methode zu differenzieren. Während über das Ziel von Bildung bereits geredet wurde, hat der Bildungsbegriff auch Konsequenzen für die Methodik.

Bildung ist in Folge nämlich grundsätzlich völlig unabhängig von der üblichen Vermittlungssituation des Seminars, denn es formuliert ein Ziel, aber keine Methodik. Tatsächlich findet in der großen Mehrheit der von verschiedenen “Bildungs”trägern angebotenen Seminaren gar keine Bildung statt. Denn: es geht bei ihnen nicht darum, das Individuum zu emanzipieren. Stattdessen soll meist nur Wissen vermittelt werden, es finden Schulungen statt.

Wen Bilden?

Bildung wird unterstützt durch verschiedene Aspekte des Umfeldes eines Menschen, Verstärkung der grundsätzlichen Beschäftigung mit solchen Fragen, zeitlich-finanziellen Freiräumen, vor allem aber Zugängen zu den erforderlichen Wissensbeständen. Der Mittel- und Oberschicht werden diese Zugänge häufig durch den familiären Hintergrund bereitgestellt. Zusätzlich haben öffentliche Einrichtungen, allen voran die Schulen, teilweise entsprechende Ziele in den Lehrplänen implementiert - allerdings auch nur wieder in den Gymnasien, teilweise noch in den Realschulen. Der so bezeichneten bildungsfernen Schicht, bei der die Lebenssituationen der Eltern wenig Spielraum für die direkte oder indirekte Förderung von Bildungsprozessen zulässt, werden Zugänge zu Bildung im Schulunterricht leider in weitaus geringerem Maße als in Gymnasien zur Verfügung gestellt, wie Vergleiche von Schulplänen aufzeigen. Hier ist also eine wesentliche Zielgruppe auzumachen, für die Bildungsmöglichkeiten im emanzipativen Sinne bereitgestellt werden müssten.

Bei bestimmten Bereichen bildungsrelevanter Themen ist es aber auch weitgehend unabhängig vom sozioökonomischen Hintergrund schwierig, Settings für Bildungsprozesse bereit zu stellen. Die Reifung des kosmopolitischen Blicks, der auch die Ausrichtung des eigenen Handelns auf die Verbesserung der Entwicklungszusammenarbeit und der ökologischen Nachhaltigkeit unserer Gesellschaften umfasst, ist wie erwähnt ein wesentlicher Aspekt des eigenen Bildungsprozesses. Die Förderung dieser Perspektive spielt schichtunabhängig in der schulischen wie auch in der beruflichen Ausbildung nur eine untergeordnete Rolle. Zwar bietet das Studium geistes- oder sozialwissenschaftlicher Richtungen Zugang zu solchen Inhalten, jedoch trifft dies auf weite Teile der naturwissenschaftlich ausgerichteten akademischen Ausbildungen nicht zu. Es zeichnet sich also eine weitere Zielgruppe ab.

Wie Bilden? Oder: Warum informelle Bildung?

Die weit verbreitete Form des durch eine Institution angebotenen und in deren Räumen durchgeführten Seminars erreicht viele Mileus und Berufsgruppen nicht. Ist der Besuch der Seminare freiwillig, dann kommt erschwerend hinzu, dass die TeilnehmerInnen selbst ja bereits ein gewisses Vorwissen oder Interesse haben müssen, um die Motivation aufzubringen, für sich selbst die Teilnahme an einem Seminar zu organisieren. Häufig treffen diese Bedingungen aber gerade bei den für ein Thema wichtigen Zielgruppen nicht zu. In diesen Fällen müssen Settings geschaffen werden, die für die relevante Zielgruppe von sich aus interessant sind und zur Teilnahme anregen, die aber gleichzeitig ebenfalls Möglichkeiten darstellen, sich mit dem bildungsrelevanten Thema zu beschäftigen.

Klafki hat in der Bildungstheorie dazu den Begriff des exemplarischen Lernens genutzt: “Der Grundgedanke des exemplarischen Lehrens und Lernens,[...] kann folgendermaßen formuliert werden: Bildendes Lernen, das die Selbstständigkeit des Lernenden fördert, also zu weiterwirkenden Erkenntnissen, Fähigkeiten, Einstellungen führt [...], wird nicht durch reproduktive Übernahme möglichst vieler Einzelerkenntnisse, -fähigkeiten und -fertigkeiten gewonnen, sondern dadurch, daß sich der Lernende an einer begrenzten Zahl von ausgewählten Beispielen [...] aktiv allgemeine, genauer: mehr oder minder weitreichend verallgemeinerbare Kenntnisse, Fähigkeiten, Einstellungen erarbeitet, m.a.W.: [...] übergreifende Zusammenhänge.”[3]

Der Bildungsprozess findet bei diesen Settings durchaus auch außerhalb des formalen Rahmens statt, den die Institution samt ihre Räume klassisch bereit stellt, man kann also in gewisser Weise von informeller Bildung sprechen.

Es muss auch nicht unbedingt vorausgesetzt werden, dass die Teilnehmenden sich bewusst werden, dass eine Institution das Setting mit dem spezifischen Ziel geschaffen hat, Bildungsprozesse anzuregen. Da der Bildungsprozess ohnehin eine aktive Handlung der jeweiligen Person darstellt, die sich, ihr Umfeld aneignend, selbstständig Zusammenhänge erschließt, spielt der Aspekt der Konstruiertheit des Settings für diesen Emanzipationsschritt der Person eine untergeordnete Rolle (übrigens kein neuer Gedanke, das hat Rousseau im 18. Jahrhundert ja schon für seinen Emile so gehandhabt).

Bewusst gestaltete informelle Bildungssettings können die verschiedensten Formen annehmen, die Wahl hängt wesentlich sowohl vom Inhalt als auch von der Zielgruppe ab. Die sollten zudem derart entworfen werden, das erstens die Nutzung dadurch angeregt wird, dass die Settings zielgruppenspezifisch die intrinsische Motivation der anzusprechenden Personen anregen. Zweitens bedingt die Abwesenheit von Beteiligungszwängen (wie etwa dem Schulzwang), dass die Bildungsangebote ein möglichst schnellen und einfachen, von Hürden befreiten Einstieg in die Nutzung ermöglichen.

Für Kinder und Jugendliche bieten sich beispielsweise Spiele an, die inhaltlich und auch durch ihre Spielmechanik zum kritischen Blick auf die intendierte Thematik anregen. Umweltspielplätze fallen in diese Kategorie. Auch speziell entworfene Computerspiele können zu diesem Zweck eingesetzt werden. Werden diese über das Internet verbreitet, kann auf diese Weise leicht eine große Zahl von Personen außerhalb eines institutionellen Bildungskontextes erreicht werden. Zudem ist dieses Medium auch für bildungsbenachteiligte Milieus anwendbar.

Ein sehr gelungenes (jedoch nur teilweise zu diesem Zweck initiiertes) Beispiel ist das RepRap-Projekt. Hier wird, über das Internet organisiert, unter Beteiligung vieler Freiwilliger aus verschiedenen Ländern eine Rapid-Protoyping-Maschine (sozusagen ein Drucker für dreidimensionale, beliebig geformte Objekte) entwickelt. Thematisch werden zur Teilnahme vor allem Personen angeregt, deren Interessenfelder (d.h. also intrinsisch motivierte Tätigkeitsfelder) in den Bereichen Maschinenbau und Elektrotechnik liegen. Das Interessante an diesem Projekt ist nun die Tatsache, dass in der Zielstellung erstens die globale Umsetzbarkeit des Baus einer solchen Maschine festgeschrieben ist, explizit auch in den Ländern des globalen Südens. Zweitens soll die Maschine die Lebenssituation der dort lebenden Menschen verbessern können, indem diese Maschine z.B. für die alltägliche Arbeit relevante Hilfsmittel produzieren kann. Drittens wird ein Schwerpunkt auf die Nutzung ökologisch nachhaltiger Kunststoffe gelegt. In Folge dessen erweitern die aktiv Beteiligten durch ihre Mitentwicklung am Projekt ihre Perspektive auf die sozialen und ökologischen Aspekte dieses Designs im Speziellen, vielleicht auch von Industriedesign im Allgemeinen, was, man bedenke den Arbeitsbereich der Zielgruppe, nicht unwesentliche Konsequenzen haben könnte, befinden sie sich doch in einer Schlüsselposition für die nachhaltige Umgestaltung der gesellschaftlichen Produktionsweise.

Sense.Lab versucht ebenfalls, Bildung im aufklärerischen Sinne zu fördern, und legt den pädagogischen Arbeitsschwerpunkt deshalb auf die Schaffung eben solcher Szenarien exemplarischen Lernens.


[1]: Wolfgang Klafki: Neue Studien zur Bildungtheorie und Didaktik. Weinheim und Basel: Beltz Verlag 2007, S.19
[2]: ebd., S.29
[3]: ebd., S.143f